Editor's Letter #2

Ein falsches Outfit? - Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit in der Mode

   |    Sewing Fashion Lifestyle

In dieser Woche ist wieder Fashionrevolution-Week, in den sozialen Neztwerken erheben hunderttausende, an Mode interessierte Menschen ihre Stimme und fragen die Unternehmen: Who made my clothes? Wer macht meine Kleidung, und unter welchen Umständen? Ich nähe meine Kleidung selbst, damit bin ich ja fein raus aus der Sache - oder?? Heute zeige ich euch nicht nur ein neues selbstgenähtes Teil, sondern mache mir auch Gedanken darüber, wie nachhaltig mein Outfit tatsächlich ist.

Die Bewegung der sogenannten „Fashion Revolution“ wurde nach dem schweren Unglück in der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch vor genau fünf Jahren ins Leben gerufen. Bei dem Fabrikeinsturz starben über eintausend Menschen mehr als zweitausend wurden verletzt. Das schreckliche Ereignis ist zum Symbolbild für die Auswirkungen der Fast Fashion Industrie geworden. Es hat gezeigt: Für die Kleidung, die wir günstig kaufen können, müssen andere zahlen.

Wir Hobbyschneider, so scheint mir, sind dann immer ziemlich stolz. Für uns muss niemand in einer heißen, engen Textilfabrik sitzen und 15 Stunden am Tag Reißverschlüsse einnähen. Das machen wir selbst in unserem hellen Nähzimmer, mit Keksen und einem Kaffee daneben. Super! Wir haben alles richtig gemacht.

Alles richtig gemacht?

Ich habe es jetzt überspitzt formuliert, aber natürlich ist es unmöglich, alles richtig zu machen. Zum einen kann ich einfach nicht alles nähen. Selbst, wenn ich meine Klamotten allesamt nähen würde (inklusive Unterwäsche), was ich nicht schaffe, habe ich noch längst nicht für meinen Mann und meine drei (!) Kinder genäht. Also muss ich so oder so Kleidung kaufen. Außerdem, wenn man richtig streng sein möchte, müsste man doch eigentlich alles im Hinblick auf Nachhaltigkeit und faire Produktionsbedingungen hinterfragen. Ist der Kaffee fair gehandelt, den ich beim nähen trinke? Verseucht das Plastik meiner Nähmaschine die Umwelt, wenn ich sie in 5 Jahren wegschmeiße? Aber erst recht: Woher kommen die Stoffe, die ich vernähe? Von pestizidverseuchten Baumwoll-Monokulturen in Indien? Aus Webereien, in denen es ähnlich stinkt wie in den heruntergekommenen Nähfabriken in Bangladesch?

Mein falsches Outfit

Wenn ich dann weiterhin konsequent bin, ist auch mein heutiges Outfit ziemlich falsch. Das Top ist von Edited, einer Marke, über die ich ehrlich gesagt nicht viel weiß, aber die ich spontan nicht zu den ökologischen Vorzeigemarken zählen würde. Ich habe das Top wegen der Farbe gekauft und weil es reduziert war und in erster Linie, weil ich es mochte. Den Rock habe ich selbst genäht, nach dem Schnitt „Plissee“ von Fashiontamtam, der Stoff ist von Stoff&Co in München. Da hatte ich mich einfach in das Muster verliebt, aber ich habe keine Ahnung, wo Stoff&Co seine Stoffe einkauft. Beide Kleidungsstücke sind aus Polyester, einem Material, das in der Natur 200 Jahre braucht, um zu verrotten und deshalb (ähnlich wie Plastik) eigentlich ein Umweltgift ist. Andererseits wurde für mein heutiges Outfit zumindest keine Baumwollplfanze mit Pestiziden übergossen. Und last but not least: Die Schuhe! Vor einiger Zeit habe ich eine Reportage im WDR gesehen, in der gezeigt wurde, unter welchen Bedingungen Sneaker hergestellt werden und glaubt mir, da herrschen kaum besseren Zustände als in den Nähfabriken: Chinesen, die ohne Mundschutz 10 Stunden am Tag in gebückter Haltung Sneakerteile zusammenkleben und dabei die giftigen Dämpfe einatmen. Ob meine Schuhe in so einer Horror-Fabrik geklebt wurden, weiß ich leider auch nicht.

Ihr merkt schon, mit strengen und konsequenten Fragen kann man sich ziemlich fertig machen. Deshalb muss man wohl oder übel akzeptieren, dass man nicht in jeder Hinsicht perfekt handeln kann. Was aber nicht bedeutet, dass man sich auf die faule Haut legen sollte. Es gibt nämlich sehr wohl ein paar Möglichkeiten, auf seine Einkäufe zu achten.

Wo kaufe ich ein?

Im Bezug auf Stoffe findet man immer öfter explizite Bio-Stoffläden in den Weiten des Internets. Bisher kannte ich nur Lebenskleidung, in den letzten Tagen habe ich außerdem von Biostoffe.at und Siebenblau gehört. Aber auch in normalen Stoffläden kann man Ausschau nach bestimmten Labels halten. Das GOTS-Label ist eher streng und taucht meist in Verbindung mit Bio-Stoffen auf, sehr viel verbreiteter ist das Oeko-Tex Label, das Produkte auszeichnet, bei denen laut Wikipedia die Textilien „auf gesundheitliche Unbedenklichkeit und die Betriebsstätten auf sozial- und umweltverträgliche Produktionsbedingungen geprüft“ wurden. Ich kaufe sehr gerne bei Vollstoff in Hagen, weil dort fast alle Stoffe dieses Label tragen, aber auch im Onlineshop von Alfatex kann man beispielsweise sehen, ob ein Stoff das Oeko-Tex Label trägt. Auch die Bezeichnung „Organic“ oder „Organic Cotton“ kann ein Hinweis auf nachhaltige Produktionsbedingungen sein. In sehr vielen Onlineshops, zum Beispiel auch bei Stoff und Stil, gibt es einen eigenen Reiter dafür.

Schwieriger ist der Kauf von Kleidung. Der „Fashion Transparency Index“, den Fashion Revolution erstellt, ist für den Käufer nicht besonders aussagekräftig, finde ich. Ich versuche dann schon eher, auf den Webseiten der einzelnen Bekleidungshersteller etwas über die Produktionsbedingungen zu erfahren. Neben expliziten Öko-Marken wie Hessnatur oder Aßmus gibt es auch „normale“ Marken, die Wert auf Nachhaltigkeit legen. Ein gutes Beispiel dafür ist Marc O‘Polo, eine Marke, bei der ich nicht nur deshalb gerne einkaufe. Trotzdem muss ich zugeben, manchmal kaufe ich auch ein Teil von H&M, weil es mir so sehr gefällt oder gerade so günstig ist.

Mode muss Mode bleiben

Denn bei allem guten Willen kommt besonders in der Mode noch ein anderer Punkt ins Spiel: Mode ist ja, zumindest in meinen Augen, nicht nur ein Produkt, sondern auch ein künstlerischer Ausdruck, eine Form der Kommunikation mit meinem Umfeld. Und irgendwie muss bei allem ökologisch-nachhaltigem Denken noch die Möglichkeit gegeben sein, etwas mit Mode auszudrücken. Das ist ein Bedürfnis unserer Gesellschaft. Designer sind Künstler und niemand hat Picasso die Farbe „Rot“ weggenommen mit der Begründung, dass diese umweltschädlich sei. Schlechtes Beispiel, aber ihr wisst hoffentlich, was ich meine. Im Idealfall ist Mode also eine Kombination aus fairen Produkten, die trotzdem in der Lage sind, etwas auszudrücken. Das ist am Ende ja auch der Traum der Fashion Revolution. Dass wir weiterhin Mode kaufen können, aber mit der Gewissheit, niemandem damit zu schaden.

Und es sieht sogar so aus, als würde sich unsere Gesellschaft ein bisschen in diese Richtung bewegen. Ich habe neulich in der Zeitschrift Madame einen Arktikel über Livia Firth (die Frau von Schauspieler Colin Firth) gelesen, die mit ihrer Firma EcoAge Fashion Brands dahingehend berät, wie sie ihre Produktionsbedingungen nachhaltiger gestalten können. Zu ihren Kunden gehören Gucci, Matchesfashion, Stella McCartney oder Disney. Für mich war dieser Artikel wie eine kleine Erleuchtung. Endlich finden sie zusammen, die beiden Parteien, dachte ich. Die Künstler und die Ökos. Es geht also!

Nur kaufen, was wir tragen!

Und Firth weiß auch (oder gerade deswegen): Am nachhaltigsten ist nicht das Kaufen ökologisch hergestellter Stoffe oder Kleidung, sondern das Nicht-kaufen. Ohne das totale Verbotsschild aufstellen zu wollen, regt sie dazu an, nur Stücke zu kaufen, von denen wir wissen, dass wir sie mindestens 30 Mal tragen werden (in den sozialen Medien kann man sich an der #30WearsChallenge beteiligen). Ich finde das sogar sehr großzügig und glaube, selbst 60 Mal tragen schaffen wir alle! Und wir können die Challenge problemlos auf das Nähen übertragen und und uns die gleiche Frage vor jedem Stoffkauf stellen. Wenn das wirklich jeder machen würde, ein wenig mehr Nachdenken vor jedem Einkauf, dann wäre wahrscheinlich schonmal ein Riesenschritt in die richtige Richtung getan. Also, liebes Plisseerock-Outfit: Du bist gar nicht so falsch, weil ich dich mag. Und weil ich dich deshalb den ganzen Sommer lang rauf und runter tragen werde!

Mein Outift

Top: Edited

Rock: selbstgenäht nach dem Schnitt "Plissee" von Fashiontamtam, Stoff von Stoff&Co

Sneaker: Nike

Tasche: C&A (sehr alt!)

 

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