Peter-Lindbergh-Ausstellung in München

Schönheit in Schwarzweiß

   |    Culture Style
White Shirts: Estelle Léfebure, Karen Alexander, Rachel Williams, Linda Evangelista, Tatjana Patitz & Christy Turlington, Malibu, 1988

Peter Lindbergh ist nicht einfach nur ein Modefotograf. Obwohl er Topmodels wie Naomi Campbell, Linda Evangelista oder Claudia Schiffer vor der Kamera hatte, zeigt die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle München: Er war und ist dabei immer ein Künstler auf der Suche nach dem wahren Wesen des Menschen.

Beim Betreten der Ausstellung fällt sofort auf: Farben und Blingbling, also das, was viele spontan mit Mode in Verbindung bringen, sind überhaupt nicht Peter Lindberghs Ding. Die Ausstellung ist fast durchgehend monchrom gehalten. Schwarzweißfotografie an jeder Wand, nur hier und da mal eine klitzekleine Ausnahme.

Peter Lindberghs Ästhtetik wurde im Duisburg der Nachkriegszeit geprägt, heißt es auf einer der Erklärtafeln. Kohlebergwerke und Fabriken waren ein Teil seiner Kindheit. "Wenn ich morgens aufwachte", wird Lindbergh zitiert, "sah ich alles mit einer dünnen Rußschicht bedeckt, so auch die Bergarbeiter auf ihrem Heimweg, die Augen und Gesichter schwarz vom Kohlenstaub."

Diese Prägung erklärt vielleicht seine Vorliebe für monochrome Fotografien, ist aber nicht der einzige Grund dafür. In einem der Ausstellungsräume finde ich eine aufschlussreiche Kollage: Mehrere Cover der Amerikanischen Vogue sind nebeneinander angeordnet, alle aus den 80er Jahren. Die Cover zeigen Studioporträts von stark geschminkten Models in eleganter, sehr farbenfroher Kleidung. In der Mitte hängt dann, wie ein Gegensatz dazu, ein Vogue-Cover vom November 1988. Es war die erste Vogue-Ausgabe, die Anna Wintour als Chefredakteurin verantwortete, sie hatte Lindbergh den Auftrag für das Cover gegeben. Das Bild zeigt eine junge Frau, die im Unterschied zu allen anderen Covermodels lacht, sie ist beinahe ungeschminkt, geht irgendwo draußen spazieren, ihre Haare wehen offen im Wind. Zu einem aufwendig bestickten Couture-Pullover trägt sie ...eine Jeans!

Cover der amerikanischen Vogue aus den 80er Jahren. In der Mitte: Lindberghs Cover vom November 1988

Lindbergh widersetze sich den damals geltenden Traditionen der Modefotografie. Er wollte keine "menschlichen Kleiderständer" ablichten, sondern tatsächliche Menschen und Persönlichkeiten. Farben sollen nicht ablenken, die Schwarzweißfotografie hilft ihm, das Wesentliche im Bild hervorzuheben. Eines seiner bekanntesten Bilder hängt gleich in der ersten Halle. Es zeigt fünf junge Frauen am Strand, jede nur mit einem weißen Herrenhemd bekleidet (s. Titelbild). Sie sind alle bekannte Topmodels, aber sie sind ungeschminkt, ihre Haare sind zerzaust, sie scherzen, lachen und freuen sich. Wer das Bild sieht, möchte selbst gerne dabei sein. Von der Vogue wurde das Foto zunächst abgelehnt, "weil es der Ausrichtung des Magazins nicht entsprach." Später wurde es in seiner Andersheit bahnbrechend für die Modefotografie.

 

Lindbergh schafft es, Persönlichkeiten aus seinen Fotos sprechen zu lassen. Plötzlich waren Modefotografien nicht mehr anonym. Er zeigt Frauen, die dem Betrachter im Gedächtnis bleiben und die er deshalb immer wieder sehen will. Linda Evangelista, Christy Turlington, Naomi Campbell, Kate Moss, Claudia Schiffer und Cindy Crawford sind nur einige, die uns auch heute noch etwas sagen. Peter Lindbergh machte sie zu Supermodels.

 

Kate Moss, 1994
Linda Evangelista, 1990

Der Mensch und seine je individuelle Schönheit stehen im Vordergrund, überall sieht man in der Ausstellung Gesichter, Ausdrücke, Bewegendes. In den Achzigern und Neunzigern war das Lindberghs provokante Abgrenzung zum banalen Ablichten von Mode. Aus heutiger Sicht frage ich mich trotzdem, wie denn eigentlich sein Verhältnis zur Mode war. Klar, die Modeindustrie war häufig sein Auftraggeber. Und Lindbergh, das merkt man, hat Freude an Ästhetik, am Inszenieren, am Ausdruck. Aber die Mode, so ist mein Gefühl, ist ihm nicht so wahnsinnig wichtig. Ich glaube, es ist andersherum. Nicht die Mode wird inszeniert, sondern sie ist ein Mittel, um seine Fotos zu inszenieren. Eine ähnliche Einschätzung lese ich dann auch auf einer der letzten Erklärtafeln. Dort wird Franca Sozzani zitiert, bis 2016 Chefredakteurin der italienischen Vogue: "Peter hat seine eigene Identität. Er ist kein Modefotograf. Er benutzte Mode, um Frauen anzusprechen und über Frauen zu sprechen, das ist etwas vollkommen anderes."

 

Dieses "Stern"-Cover machte Lindbergh berühmt. Tina Turner, Paris, 1989
Kampagnen-Shooting für Jean Paul Gautier, Paris, 1990

Peter Lindberg, "From Fashion to Reality" ist in der Kunsthalle München noch bis zum 27.08.2017 zu sehen. Die Fotos wurden mir freundlicherweise von der Kunsthalle zur Verfügung gestellt.

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