Editor`s Letter #1

Sind Nähblogger auch Fashionblogger?

   |    Sewing Style

Diese Titelfrage beschäftigt mich eigentlich schon sehr lange. Um ehrlich zu sein, habe ich über die Frage nachgedacht, noch bevor ich diesen Blog gegründet habe. Und weil ich anfangs keine endgültige Entscheidung treffen konnte, habe ich schließlich beide Elemente mit in den Blogtitel genommen: „Oh, Chiffon! A style and sewing blog.“ Mir macht „Style“ mindestens genauso viel Spaß wie „Sewing“. Das erkennt man vielleicht auch in meinen Blogbeiträgen. Zu Beginn des neuen Jahres möchte ich diese Frage noch einmal grundsätzlich ansprechen, um ein bisschen Orientierung zu schaffen. Ich habe das Gefühl, dass die Abgrenzung zwischen beiden Blog-Typen nicht nur mich, sondern auch andere Blogger und Instagram-Nutzer beschäftigt.

Mittlerweile kenne ich mich in der Blogger-Szene ganz gut aus und weiß, wie Nähblogs, DIY-Blogs und Fashionblogs aufgebaut sind und sich präsentieren. Trotzdem möchte ich davon zunächst etwas Abstand zu nehmen und einmal ganz theoretisch eine Unterscheidung zwischen Näblogs und Fashionblogs versuchen:

Nähblogs vs Fashionblogs?

Unter einem Nähblog stellle ich mir streng genommen einen Blog vor, der Näh-Techniken beschreibt, Schnittmuster-Tipps gibt und im besten Falle Work-in-Progress-Arbeiten beschreibt. So nach dem Motto: Dieses Kleidungsstück/Kissen/Täschchen habe ich so genäht, ich hatte die und die Schwierigkeiten und ich musste jene Technik anwenden, für die ich dieses oder jenes Tutorial gefunden (oder entwickelt) habe. Ein ganz typischer Nähblog ist für mich z.B. der Bernina-Blog. Eigentlich müsste man für einen reinen Näh-Blog noch nicht einmal die genähten Kleidungsstücke getragen sehen, es würde reichen, diese auf der Schneiderpuppe zu präsentieren, wenn es rein um Techniken und Nähte geht. Aber natürlich beweist ein Tragefoto, dass ein Stück gut (bzw.: wo und warum es nicht gut) am Körper sitzt.

Fashion- (oder Mode-)blogger hingegen beschäftigen sich meist nicht allzu viel mit den einzelnen Kleidungsstücken. Klar haben sie diese irgendwo eingekauft und verlinken dabei meist auch den Shop. Aber es kommt am Ende eher darauf an, den gesamten „Look“ zu präsentieren, die Kombination der verschiedenen Kleidungsstücke, die sie (und auch das ist, wie ich finde, eine kreative Leistung) sich überlegt haben. Weiterhin kommt es darauf an, mit diesem Look und letztendlich auch als eine bestimmte Person, die sie darstellen, eine besondere Stimmung zu vermitteln. Das geschieht durch die Körperposition, durch den Hintergrund oder das Umfeld, das auf dem Foto mit zu sehen ist und ein ganzes Stück weit auch durch die Art der fotografischen Aufnahme bzw. später durch die Bildbearbeitung. Zugleich ist diese „Stimmung“ natürlich auch eine Werbefläche für die Kleidungsstücke, die sie tragen.

Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Blog-Typen

In der Praxis ist es meiner Wahrnehmung nach so, dass sich viele Nähblogger sich etwas den Fashionbloggern abschauen, sprich: Sie zeigen gehäuft Tragefotos, oft sogar schöne Tragefotos, aber weniger Näh-Arbeits-Fotos und insgesamt auch nicht so viele Stücke, die schief gegangen sind, von denen man aber etwas lernen könnte. Das möglichst perfekte Endergebnis ist das Ziel der meisten Nähblogger. Meine Meinung dazu ist, dass ich das absolut nachempfinden kann, denn auch ich selbst schaue mir schöne Tragefotos lieber an als Nähtechniken oder schöne (und schiefe) Nähte in Nah-Aufnahme, denn all das brauche ich immer nur dann sehr dringend, wenn ich eben bei der (Näh-)Arbeit bin und danach ist mein Näh-Theorie-Hunger auch meistens schon erschöpft. Trage- und Styling-Fotos finde ich einfach etwas spannender.

Ich weiß, dass es verschiedene Ansichten und Meinungen bei unterschiedlichen Bloggern gibt, und dass manche Nähblogger Technikthemen am spannendsten finden. Trotzdem würde ich sagen: Obwohl man Nähblogs und Fashionblogs irgendwie trennen kann, überschneiden sie sich nicht nur in der Art der Darstellung, sondern auch in einem wesentlichen theoretischen Punkt, den ich oben außer Acht gelassen habe: Das, was ein Nähblogger produziert, ist am Ende auch „Fashion“. Alle Techniken, die er sich aneignet, dienen letztendlich dem höheren Ziel, ein tragbares Kleidungsstück zu erstellen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass viele Nähblogger den Fashionbloggern skeptisch oder sogar abweisend gegenüber stehen, obwohl sie, wenn man es bei Tageslicht betrachtet, eigentlich das gleiche (oder zumindest ein sehr ähnliches) Ziel verfolgen, nämlich schöne, zur Persönlichkeit passende Kleidungsstücke zu tragen. Jeder Nähblogger könnte ja nach seinem ersten Tragefoto weiter gehen und neben der Nähtechnik auch noch die Kombinationsmöglichkeiten der Kleidungsstücke zeigen (das macht übrigens gerade Fredi in ihrer neuen Rubrik!).

Das „Styling“ macht oft den Unterschied

Allerdings ist „Styling“ unter Näh-Bloggern kein allzu beliebtes Thema. Wahrscheinlich interessiert es einige auch schlicht und einfach nicht. Im Fokus steht meist eher die Leistung, dass man ein bestimmtes Kleidungsstück erschaffen hat, nicht so sehr die Präsentation dieses Kleidungsstückes als „Fashion-Item“. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass mancher Nähblogger sich unwohl fühlt, wenn er sich mit Stylingthemen zu sehr in die Fashionblogger-Ecke drängt, weil er sich da nicht zu Hause fühlt oder nicht zu „konsumgeil“ rüberkommen möchte. Konsum ist nämlich ein weiteres Thema, was die Lager spaltet, denn die meisten Nähblogger möchten ja eher ein nachhaltiges Verhalten an den Tag legen. Auch wenn, wie ich bei mir selbst manchmal feststellen muss, das Kaufen von Stoffen, Schnittmustern, Kurzwaren und Nähmaschinen in der Summe vermutlich gar nicht so viel billiger ist als die Klamotten, die ein Fashionblogger kauft.

Ein Fazit für meinen Blog

Letztendlich muss das natürlich jeder so handhaben, wie er mag. Es gibt Unterschiede zwischen Nähbloggern und Fashionbloggern, die man eher groß oder klein halten kann. Das wichtigste ist, wie ich finde, dass man sich auf seinem eigenen Blog nicht eingeengt fühlt, nur weil irgendjemand da draußen eine Denkschublade erschaffen hat. Deshalb habe ich mir überlegt, dass zukünftig sowohl Näh- als auch in einem gewissen Maße Fashion-Themen hier einen Platz finden sollen. Ich habe an beidem Spaß und lasse mich ohnehin oft von Trends inspirieren. Gleichzeitig denke ich sowohl beim Nähen als auch beim Kaufen immer gründlich darüber nach, welches Kleidungsstück ich mag (oder brauche), wann und wie oft ich es tragen werde. Für mich ergänzen sich Shoppen und Nähen, deshalb werde ich hier sicher auch einige inspireren können, die keine Zeit zum Nähen haben, aber trotzdem nicht kopflos shoppen gehen möchten.

Wie genau ich meinen Blog demnächst strukturieren möchte und welche Teile ich trotz neuer Fashion-Rubrik in diesem Jahr nähen möchte, erfahrt ihr im übernächsten Blogpost (denn zuvor gibt es erst einmal mein schon überfälliges (selbstgenähtes!) Silvesterkleid zu sehen.

Zurück

Instagram

by @ohchiffon

Lieblingsstücke

Follow